Der Baum und die Wahrheit

 

 
Eines Tages saß ich still,
 
auf dem Balkon – wie ich’s oft so will.
 
Da fiel mein Blick auf einen Baum,
 
nicht sehr weit, zehn Schritte kaum.
 
 
 
Wie ich so saß und ihn betracht’,
 
da wurd ich plötzlich still, wie Nacht.
 
Ich fragte mich, was seh ich nur?
 
Ein Name, Form – doch keine Spur.
 
 
 
Man lehrte mich, er steht für Kraft,
 
Beständigkeit, die stetig schafft.
 
Ein mächtig Stamm, die Krone breit,
 
so stark verwurzelt, tief und weit.
 
 
 
Doch während ich ihn weiter sah,
 
da fragte ich: Was ist denn wahr?
 
Was wäre, wär ich ein einzig Blatt,
 
welches leis im Wind gewunken hat?
 
 
 
Die vielen Blätter, dacht ich mir,
 
sie ähneln sehr der Menschheit hier.
 
Der Baum, es schien mir nun zu sein,
 
was uns verbindet – groß und rein.
 
 
 
Doch kam der Herbst mit großen Schritt,
 
nahm goldne Farbe still sich mit.
 
Die Blätter fielen, welkten hin,
 
als ob im Sterben Sinn drin schien.
 
 
 
Da dacht ich leis: Ist das das Leben?
 
Nur Kommen, Blühen und Vergehen?
 
Wenn alles fällt und wiederkehrt –
 
was bleibt, wenn keine Form mehr währt?
 
 
 
Oder ich wär da die Frucht, die sinkt,
 
sich in dunkler Muttererde bringt,
 
da dann sprießend, dem Lichte ringt,
 
das Lied des Lebens neu erklingt?
 
 
 
Alles Quatsch, was dachte ich –
 
was sich da in Gedanken schlich.
 
Eine Wahrheit – die muss es geben,
 
sie zu fragen war nun mein Bestreben.
 
 
 
Ein Maler hatte sie gemalt,
 
so schön und so nackt,
 
wie sie aus dem Brunnen stieg beim Baden.
 
Man erzählte, die Lüge hätte ihr das Kleid gestohlen.
 
 
 
Und da war sie auf einmal in mir, im stillen Raum,
 
wo alles schwieg, als wär’s ein Traum.
 
Kein Laut mehr blieb, kein Wort, kein Klang –
 
nur Herz und Licht, ein zarter Drang.
 
Da hob sie an, so mild, so rein,
 
und sprach, als würd’s mein Eigen sein:
 
 
 
„Mein Kind, du suchst mich überall,

 

im Glanz, im Wort, im Widerhall.

 
Doch schau – ich bin in dir erwacht,
 
hab nie geschlafen, nur sacht gewacht.
 
Kein Kleid, kein Name kann mich fassen,
 
kein Denken mich erkennen lassen.
 
Ich bin, was war, was bleibt, was ist,
 
das Eine Licht, das nie vergisst.
 
Du glaubst, du müsstest mich noch finden,
 
doch ich war nie getrennt von deinen Sinnen.
 
Ich atme durch dich, still und klar,
 
in jedem Blick, in jedem Jahr.
 
Die Lüge lebt nur im Versuch,
 
zu trennen, was sich einzeln sucht.
 
Doch sie vergeht – wie Schatten flieht,
 
sobald mein stilles Licht erblüht.
 
Erwach, geliebtes Herz, und sieh:
 
Ich bin in dir – und du in mir.
 
Kein Du, kein Ich, kein ferner Ort –
 
nur Liebe bleibt. Das wahre Wort.“
 
 
 
 
Aus ganzem Herzen, ich hier dankte.
 
Nun war mir etwas klar:
 
Wahrheit – Lüge sind kein Schwesternpaar.
 
Alles, was da geht, ist nicht wahr.
 
 
 
Also, worauf blickte ich mein Leben lang?
 
Denn auch dieser Körper, den ich nannte „mein“,
 
wird im Zeitentraum vergehn und vergessen sein.
 
Bin ich also wie die Lüge? Oder was bin ich?
 
 
 
Da sprach sie wieder – sanft und rein,
 
wie ein Hauch in meinem Sein:
 
„Du bist nicht klein, du bist nicht fern,

 

du warst in mir von Anbeginn.

 
Kein Tropfen fällt je aus dem Meer,
 
das Meer bist du – mein Kind, und mehr.
 
Du spieltest nur im Traum der Zeit,
 
doch Wahrheit kennt kein End, kein Leid.
 
Die Welt, die du siehst, ist nur dein Kleid,
 
das fällt, wenn du erwachst – bereit.“
 
 
 
 
Und als sie schwieg, da schwieg auch ich,
 
der Baum versank in goldenem Sein.
 
Was je getrennt schien, ward ein Licht –
 
und dieses Licht – das bin ich.
 
 
 
Im Atem stiller Gegenwart
 
fiel jeder Schatten still und sacht.
 
Nur das Eine blieb – mein wahres Selbst,
 
erwacht im Frieden dieser Nacht.
 
 
 
Der Baum, das Licht, das Wort, das Ich –
 
vereint in Ewigkeit.
 
Und Liebe sprach in stiller Kraft:
 
„Du warst zu Haus – die ganze Zeit.“
 
 
 
Aurean Oréan Steinsiegel mit MH Signatur